Lancelot wird es nicht leicht haben
Umwelt

VON CLAUDIA HORKHEIMER

LancelotLancelot, der nie ein Ritter war, schaut forschend durch weiße Gitterstäbe. Mit seinen dunklen Dobermannaugen fixiert er die vorbeigehenden Besucher im Tierheim Darmstadt misstrauisch. Einige sind ihm ein tiefes Bellen wert, andere dürfen unbehelligt einen Blick in sein "Zimmer" werfen, das er sich mit Indra aus Italien und Rolf aus Rumänien teilt.

Schnauzer-Mix Indra, die auf einer Müllkippe aufwuchs und seit sieben Jahren im Darmstädter Tierheim lebt, ist ein Problemhund - schwer vermittelbar, weil sehr ängstlich.


Auch Lancelot wird es nicht leicht haben. Der vierjährige Riese wurde "zum Glück abgegeben", steht in seinem Profil an der Tür. Seine Besitzer kümmerten sich kaum um ihn, er war viel allein und durfte selten raus. Vor dem Hundehaus steht eine ältere Dame und weint. "Ich kann mir das nicht ansehen", sagt sie. Am liebsten würde sie doch alle mitnehmen.

Auch andere Besucher sind gekommen, um mal ganz ungezwungen einen Blick in Käfige, Voliere und sonstige Räume des Tierheims zu werfen. Denn am vergangenen Wochenende gab es die Gelegenheit, Lancelot und seine Freunde kennenzulernen: Die Tierschutzvereine Darmstadt, Pfungstadt, Münster, das Tierheim Babenhausen und Tiere in Not Odenwald luden zum "Tierdankfest" ein.

Mit Erfolg: "Die letzten beiden Tage sind super gelaufen", sagt Christian Zentgraf, Tierarzt und Leiter des Tierheims in Darmstadt. Es seien fünf Hunde, acht Katzen, vier Kaninchen und drei Meerschweinchen vermittelt worden. "So viele wie in manch einem Monat nicht." Insgesamt warteten 30 Hunde, 90 Katzen und 30 Kleintiere auf ein neues Zuhause.

Etwa 700 Besucher mit und ohne vierbeinigen Begleitschutz schlängelten sich an zwei Tagen über das Gelände in der Siedlung Tann. Sie ließen ihre Hunde zeichnen und fotografieren, schauten sich Vorführungen von Zirkus Waldoni an, bummelten über den Flohmarkt und aßen Würstchen.

Lancelot und Indra fanden indes kein neues Zuhause. "Große Hunde sind immer schwieriger zu vermitteln", sagt Zentgraf. Die Leute hätten mit ihnen eher Probleme. Für Indra käme nur ein Zuhause mit mehreren Hunden in Frage. Und dazu müssten die neuen Besitzer viel Zeit und Geduld mitbringen. Doch während einige Tiere durch die Aktion vermittelt wurden, platzt die Unterbringung trotzdem aus allen Nähten. Im Schnitt kommen im Monat 20 neue Katzen und fünf Hunde hinzu - viel zu tun für die zehn angestellten Mitarbeiter des Tierheims und ihre vielen ehrenamtlichen Helfer.

 

Erschienen Oktober 2008 in "Frankfurter Rundschau"
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