FRANKFURTER RUNDSCHAU: "Wut beginnt mit einem Druck im Kopf"
Psychologie und Soziales

Bei Pilotprojekten in Frankfurt und Darmstadt wird eine pauschale Warmmiete eingeführt

 

VON CLAUDIA HORKHEIMER

Es gibt keine Statistik darüber, ob Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen zugenommen haben. Fest steht aber: "Die Intensität hat sich gesteigert", sagt Diplom-Psychologin Ursula Glöckner-Schultze von der Erziehungberatung Darmstadt. Wo es früher in jeder Klasse einen Klassenkasper gab, stören Schüler heute massiv den Unterricht, terrorisieren Lehrer und Mitschüler und werden schlimmstenfalls sogar handgreiflich. "Der Status des Lehrers hat sich geändert. Und es fehlt den Kindern am nötigen Respekt", sagt Kirsten Schierholz, ebenfalls Psychologin bei der Erziehungsberatung.

Die Einrichtung gehört zum städtischen Familienzentrum und berät Eltern und Kinder bei Konflikten. Die Wartezeiten für einen Termin für ein Fachgespräch liegen zwischen drei und acht Wochen, sagt der stellvertretende Leiter des Familienzentrums, Peter Ottasek.

"Wir wissen einfach nicht mehr, wohin mit den Kindern", so Glöckner-Schultze. Denn an Gruppenangeboten für verhaltensauffällige Kinder fehle es in der Stadt. Deshalb hat das Familienzentrum im letzten halben Jahr ein in Darmstadt bislang einmaliges Pilotprojekt versucht: In zehn Gruppenstunden trainierten sie mit Acht- bis Zwölfjährigen ein angemessenes Konfliktverhalten. Im Vordergrund des sogenannten Sozialkompetenztrainings stand die Selbstwahrnehmung. Die Kinder spürten beispielsweise erstmals, "dass Wut mit einem Druck im Kopf oder Kribbeln in den Händen beginnt", so Schierholz. Für viele sei es ein Aha-Erlebnis gewesen, dass andere genauso empfinden wie sie selbst.

Insgesamt sieben Kinder nahmen an der therapeutischen Kindergruppe teil. Sie alle waren anfangs nicht in der Lage, ihr Konfliktverhalten zu steuern und neigten dazu, in sozialen Situationen aggressiv oder unangemessen zu reagieren.

Das Training, das Glöckner-Schultze und Schierholz anwandten, basierte auf dem Anti-Gewalt-Training des Freiburger Psychologen Klaus Fröhlich-Gildhoff. Im Verlauf jeder Stunde wechselten sich Rollenspiele, Entspannungstechniken und Gruppengespräche ab. Auch die Eltern wurden durch Gespräche außerhalb der Gruppenstunden beteiligt.

Eltern sehen Fortschritte

Den Erfolg ihres Training haben die beiden Therapeutinnen in Fragebögen festgehalten, die die Eltern vorher und nachher ausfüllen mussten. Das Ergebnis: Den Angaben der Eltern nach verbesserten alle Kinder ihr Verhalten. Die Kinder seien selbstständiger geworden, konnten besser entspannen, hielten plötzlich häusliche Regeln ein, so Schierholz. Interessant war, dass die Kinder zu beginn der Gruppentherapie Ziele vereinbarten, die sie sich selbst vornehmen wollten. Hier nannten sie Dinge wie sich gegenseitig zuzuhören oder nicht aggressiv zu werden. Für Glöckner-Schultze ist klar: "Kinder wissen worauf es ankommt, sie wissen nur nicht, wie sie es umsetzen sollen".

Trotz des Erfolgs und weiterer Anfragen ist derzeit unklar, ob es eine neue Gruppe für das Sozialkompetenztraining geben wird. Wie so oft, mangelt es am Geld.

Die Erziehungsberatung bietet eine offene Sprechstunde an: Montags von 16 bis 17.30 Uhr in der Jakob-Jung-Straße 2, Arheilgen. Tägliche telefonische Beratung unter: 06 15 1 / 35 06 0.

 

Erschienen August 2008 in "Frankfurter Rundschau".
Alle Rechte vorbehalten. Verwendung, auch auszugsweise, nur mit vorheriger Gehmigung.

 
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