FRANKFURTER RUNDSCHAU: In einer Nacht 25 Freunde verloren
Psychologie und Soziales

Erinnerung an das Hitler-Attentat

 

VON CLAUDIA HORKHEIMER

 

Hitler war ein schrecklicher Mensch mit starren Augen", sagt Christa von der Marwitz. 17 Jahre war sie alt, als sie den Diktator bei einer Aufführung in Bayreuth aus nächster Nähe sah. "Er ließ die Tante von Nina von Stauffenberg, Gräfin Lerchenfeld, bei der ich zu Besuch war, zu Tisch bitten. Doch die lehnte ab", erinnert sich die heute 89-Jährige und ergänzt: "Niemand nahm Hitler damals ernst." Dennoch machte er ihr Angst: "Eine vibrierende Atmosphäre" habe ihn umgeben, und "trotzdem liefen ihm die Frauen nach. Schauerlich!"

Die in Frankfurt geborene Zeiss-Tochter bewegte sich seit ihrer Kindheit in Adelskreisen. Der Urgroßvater hatte am Bau des Festspielhauses in Bayreuth mitgewirkt. So lernte von der Marwitz auch Nina Freiin von Lerchenfeld kennen, die 1933 Claus Schenk Graf von Stauffenberg heiratete. Dieser plante das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 mit und platzierte die Bombe unter Hitlers Sitzbank im Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen.

Von der Marwitz ist eine der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die die Akteure des Hitlerattentats persönlich erlebte. Sie kannte Stauffenbergs Ehefrau Nina aus ihrer Jugendzeit und war bis zu deren Tod 2006 mit ihr befreundet. "Man traf sich am Wochenende zum Forellenfangen. Während ich mich aber mehr für die Fischköder interessierte, spähte die fünf Jahre ältere Nina schon nach den Bamberger Kavalleristen", erinnert sie sich lachend. Heute lebt die Witwe mit den sorgfältig frisierten weißen Locken in Darmstadt. Durch ihre Ehe mit Gebhard von der Marwitz gehört sie zu einem der neun ältesten preußischen Adelsgeschlechter.

Gesäumt von dichten Hecken führt eine schmale Auffahrt zu ihrem Haus auf der Rosenhöhe. Man erwartet eine Villa und ist überrascht, vor einem einstöckigen zartgelben Bungalow zu stehen. Doch dann: Im Inneren des Hauses reihen sich mit Gold verbrämte Spiegel und Ölgemälde von Verwandten und Vorfahren aneinander. Das Haus habe der Prinz von Hessen als Dienstwohnung für ihren Mann – "einen Urpreußen" – bauen lassen. Der Jurist war Großherzoglicher Vermögensverwalter gewesen.
Im Wohnzimmer mit Kamin und Blick auf einen prächtigen Blumengarten laden verschnörkelte Barockmöbel zum Verweilen ein. "Vieles davon stammt aus dem Schloss von der Marwitz aus Friedersdorf in Brandenburg", erklärt sie. Die ehemalige Konferenzdolmetscherin strahlt trotz der Krücken, auf die sie seit einem Jahr angewiesen ist, würdevolle Autorität aus. Farblich sind die Gehhilfen auf ihr türkisgestreiftes Hauskleid und die Perlenkette abgestimmt.

An die Nacht des 20. Julis 1944 erinnert sich von der Marwitz noch gut. "Mein Vater, der zum Stab Canaris gehörte, rief mich aus Belgien, wo er stationiert war, an und sagte: ,Jetzt hast du keine Zeit mehr, um Tagebuch zu schreiben‘." Damit wollte August Wilhelm Zeiss seine Tochter warnen, die Namen der am Staatsstreich beteiligten Personen preiszugeben oder gar niederzuschreiben.

"Wir verloren in einer Nacht 25 enge Freunde", so von der Marwitz. Auch ihre Familie fürchtete, von den Nationalsozialisten festgenommen oder sogar umgebracht zu werden. Eine Vorstellung bereitet von der Marwitz noch heute Grauen: "Sie hängten sie an Fleischerhaken auf. Es war grässlich." Dabei stehen ihr Tränen in den Augen.

Zwar gehörte ihre Familie nicht zum direkten Kreis der Verschwörer – "dafür hatten wir viel zu wenig Berührungspunkte mit den Nationalsozialisten" –, doch man pflegte Kontakte zu Regimegegnern wie Axel von dem Bussche und Adam von Trott zu Solz.
An Stauffenberg erinnert sich von der Marwitz als nachdenklichen, sehr stillen Menschen. "Er imponierte auch wegen seiner schwarzen Augenklappe." Der Oberst hatte 1943 in Nordafrika ein Auge und die rechte Hand sowie zwei Finger der linken Hand verloren.

Über das Attentat wurde im Vorhinein nicht gesprochen. Stauffenberg habe auch seiner Frau Nina verboten, darüber zu reden. Nicht einmal mit ihren Kindern durfte Nina sich austauschen. Diese wurden nach dem missglückten Staatsstreich von der Gestapo in ein Kinderheim nach Bad Sachsa in Thüringen verschleppt und unter falschem Namen festgehalten. Nina, damals mit ihrem fünften Kind schwanger, wurde in Sippenhaft genommen.

"Noch als Nina mit dem Zug auf dem Weg ins KZ war, überlegten wir verzweifelt, wie wir ihr helfen könnten", zeichnet von der Marwitz die Tragödie nach. Doch man habe "Schildkröte" gespielt und versucht, nicht aufzufallen. Später bat das Auswärtige Amt von der Marwitz um Hilfe bei der Suche nach den Kindern.

Nina habe im Nachhinein niemals bereut, ihren Mann nicht von der Beteiligung an dem Staatsstreich abgehalten zu haben. "Sie sagte immer: ,Wie hätten wir dagestanden, wenn wir nicht wenigstens versucht hätten, diesen Diktator abzuschütteln?‘."

Die Erfahrungen ihrer Jugend haben von der Marwitz dazu veranlasst, sich als Konferenzdolmetscherin für die Verschwisterung der europäischen Städte einzusetzen.

Zum Gedenken an die Jugendfreundin regte sie kürzlich gemeinsam mit dem Inner Wheel Club Darmstadt die Taufe einer Rose auf den Namen "Nina-von-Stauffenberg" an. Gepflanzt wurde die rosafarbene Kletterrose der Sorte Gloria dei in Anwesenheit von Franz Ludwig Schenk Graf von Stauffenberg, dem Sohn von Claus und Nina, auf der Darmstädter Rosenhöhe.



Erschienen Juli 2008 in "Frankfurter Rundschau".
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