FRANKFURTER RUNDSCHAU: Wo die bessere Welt beginnt
Psychologie und Soziales

Darmstadt Verein Frida organisiert erstmals Lebensreformtage / Gegen Umweltzerstörung

 

VON CLAUDIA HORKHEIMER


Heidemarie Schwermer lebt seit elf Jahren ohne Geld. "Es sollte zuerst ein Experiment für ein Jahr sein", erzählt die 65 Jahre alte Psychologin bei den Lebensreformtagen, die am Wochenende erstmals in Darmstadt stattfanden. Doch mittlerweile fühle sie sich so wohl damit, dass sie ihre Rente verschenke. Begonnen hat alles mit einem Tauschring, den sie 1996 in Dortmund gegründet hat. Jeder bringt das ein, was er gerne macht: beispielsweise Kochen, Putzen oder Gartenarbeit. "Plötzlich fragten mich Leute, ob ich ihre Häuser hüten wollte, solange sie in Urlaub sind", sagt Schwermer.

 

Sie merkte, dass sie keine eigene Wohnung mehr brauchte. Als Gegenleistung bot sie Beratungen an oder machte sich sonst nützlich. Mittlerweile trägt sie ihre Botschaft durchs ganze Land: "Eine Gesellschaft ohne Geld wäre möglich!" Eine ihrer Ideen sind "Gib und Nimm"-Buttons, die man anstecke, um zu zeigen, dass man bereit ist, zu geben, ohne sofort selbst etwas zu bekommen. Woher kommt das tägliche Brot? Vor allem diese Frage bewegt die etwa 120 Zuhörer im Justus-Liebig-Haus. Schwermer erklärt: Alles sei im Fluss. Handy, Kleidung und alles Nötige bekomme sie geschenkt. Doch sie musste auch schon Brennnesseln sammeln und kochen, um überhaupt etwas zu essen zu haben.

 

Die Idee der Lebensreformtage - unter anderem auch mit Vorträgen über Permakultur, Klimawandel, Kornkreise und Ernährung - ist, "wie man bei sich selbst beginnen kann, die Welt zu verbessern", erläutert Henry Nold. Der Darmstädter Investor im braunmelierten Seidenanzug und barfuß, ist Initiator der Veranstaltung. Seit er eine überraschende Erbschaft machte, engagiert er sich in Projekten gegen Umweltzerstörung und wirtschaftliche Ausbeutung. Belächelte Querdenker Schon die Lebensreformbewegung, die vor 120 Jahren in Darmstadt den Jugendstil hervorbrachte, habe sich gegen Industrialisierung und Manchesterkapitalismus gewandt, so Nold. In die Fußstapfen der damals belächelten Querdenker, die etwa Vegetarismus oder die Gartensiedlungen hervorbrachten, will der Verein Frida ("frisches Darmstadt") treten.

 

Mitorganisator Götz Schneider gründete Frida vor sechs Jahren als Wandergruppe. Heute organisieren die 25 Mitglieder Seminare in der Natur. Und die Lebensreformtage. Die soll es nach dem Willen von Frida und Nold künftig regelmäßig geben.

 

Erschienen Oktober 2007 in "Frankfurter Rundschau".
Alle Rechte vorbehalten. Verwendung, auch auszugsweise, nur mit vorheriger Gehmigung.

 
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