FRANKFURTER RUNDSCHAU: Bunte Musik
Psychologie und Soziales
Synästhetiker sind Menschen, bei denen sich Sinne vermischen. Manche sehen Farben, wenn sie Musik hören. Diplomanden aus Darmstadt geben einen Einblick in diese Welt.
 
VON CLAUDIA HORKHEIMER


Ein Rettungsring, der von selbst auf einen Menschen in Seenot zuschwimmt, eine Babytragehilfe in zwei Teilen oder ein Computerprogramm, das Sprache in Farben übersetzt. Die Beiträge des Fachbereichs Gestaltung der Hochschule Darmstadt (hda), die noch bis 16. März in Darmstadt ausgestellt sind, könnten unterschiedlicher nicht sein. Doch eines haben sie gemeinsam: Sie gehören zu den besten Diplomarbeiten aus den Studiengängen Industrie- und Kommunikationsdesign.

"Hier tippen Sie zum Farbfonieren", steht auf dem Bildschirm, der das Projekt "Farbsinn" präsentiert. Der Text, den man in das Feld eingibt, erscheint in einer Abfolge blauer, gelber und roter Formen. "Ein rotes Quadrat steht für ein A, ein blauer Kreis für ein O und I und E werden als gelbe Dreiecke abgebildet", erklärt Hanne Müntinga.

Die junge Frau hat die Computeranwendung mit ihrer Studienkollegin Katharina Manz entwickelt. "Mit der Farbfonie wollen wir die Emotionalität der Sprache darstellen", sagt Müntinga. Dahinter steht die Farbenlehre von Johannes Itten, der aus den Grundfarben Rot, Gelb und Blau einen zwölfteiligen Farbenkreis entwickelte.

Diesen Farben ordneten Manz und Müntinga die verschiedenen Laute der Sprache zu. Die Emotionalität wird durch die Geschwindigkeit und die Lautstärke der einzelnen Laute dargestellt. Laute Töne äußern sich in großen Symbolen, schnelle Rede in einer kurzen Abfolge der Zeichen. Die beiden Absolventinnen wollten mit ihrem Projekt darstellen, wie Synästhetiker die Welt erleben.

Synästhetiker sind Menschen, bei denen sich die Sinne vermischen. Beispielsweise sehen sie Farben und Strukturen, wenn sie Musik hören. Laut Onlinedienst LexNexis leben in Deutschland etwa 150.000 Synästhetiker.

Ebenfalls um die Wahrnehmung ging es Per Schorn in seiner Arbeit "Back to Wonderland". Er fragte: "Welche Wirkung hätte die reale Welt auf eine fiktive Figur aus einem Buch?" In seinen Architekturfotografien taucht dann auch Alice aus dem Wunderland in grellen Farben auf. Mit Fiktiven Helden beschäftigen sich auch Gina Mönch und John Russo, die mit ihrer Installation den Missbrauch fiktiver Helden in terroristischer Propaganda darstellen wollen.

Doch in der Ausstellung im Designhaus sind auch pragmatischere Arbeiten zu sehen: Ein Hydrant, der für Laien einfach zu bedienen ist, ein Pflegestuhl, der das Umbetten erleichtert oder eine Arbeit, die demonstriert, wie wenig sich die Zuschauer der Tagesschau eigentlich behalten können.

 

Erschienen März 2008 in "Frankfurter Rundschau".
Alle Rechte vorbehalten. Verwendung, auch auszugsweise, nur mit vorheriger Gehmigung.

 
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