FRANKFURTER RUNDSCHAU: Großer Bruder Kamera
Psychologie und Soziales
Darmstadt Videoüberwachung bewährt sich im Alltag der Stadt - aber es geht auch anders
 
VON CLAUDIA HORKHEIMER

Sie sind überall: an Geld- oder Fahrkartenautomaten, in Geschäften und Straßenbahnen, an Haltestellen und vor Tunneleinfahrten. "Der Große Bruder schaut dich an", schrieb George Orwell in seinem Roman 1984 vor nun 64 Jahren. Überwachungskameras, damals Science Fiction, heute Alltag. Aber wer mit offenen Augen durch Darmstadt geht, stößt immer häufiger auf Videokameras oder Schilder, die auf Überwachung aufmerksam machen. Man könnte Angst bekommen…

Aber was passiert eigentlich mit all den Aufnahmen? Die wenigsten dieser Kameras werden von der Polizei betrieben und ausgewertet. Insgesamt unterhält die Polizei nach eigenen Angaben nur drei Kameras im Bereich der Diskothek Krone und am Kleinschmidtsteg sowie eine zur Sicherung der Synagoge an der Wilhelm-Glässing-Straße.

Heag Mobilo hat Kameras in seinen Straßenbahnen installiert. Deren Aufnahmen werden laut Mobilo-Sprecherin Silke Rautenberg 48 Stunden gespeichert und nur im Falle einer Straftat an die Polizei weitergegeben. Gar nicht gespeichert werden die Aufnahmen der Webcams an den großen Umsteigehaltestellen Luisenplatz, Hauptbahnhof und Wartehalle: Diese dienen laut Rautenberg nur der Verkehrsüberwachung.

Erfolg noch vor Installation

Die Kameras an der Krone sollen Drogendealer und Randalierer vertreiben. Wie Helmut Biegi, Leiter der Polizeidirektion Darmstadt-Dieburg sagt, stellte sich der Erfolg schon vor der tatsächlichen Inbetriebnahme der Kameras im Oktober 2003 ein: "Allein durch die öffentliche Diskussion ging die Zahl der erfassten Straftaten in diesem Bereich von 66 im Jahr 2002 auf 14 im Jahr 2003 zurück." Die Zahl der Rauschgiftverstöße, Taschendiebstähle, Sachbeschädigungen und dergleichen sei 2007 vergleichsweise niedrig geblieben - 15 Fälle. Damit steht für den Polizeidirektor der Erfolg des ursprünglich nur auf 18 Monate ausgelegten Pilotprojekts fest. Laut Stadtrat Dieter Wenzel soll das Projekt in Kooperation mit der Polizei nur noch bis Oktober dieses Jahres laufen. Das ergab eine Anfrage der Fraktion Uffbasse zum Thema Videoüberwachung. Die überwachungsfeindlichen Abgeordneten begrüßten dies. Seien doch die jährlichen Betriebskosten von knapp 40 000 Euro zwar vergleichsweise ein "Kleckerbetrag, jedoch sei die Stadt nicht in der Situation, irgendwo Geld zu verschwenden", sagt Kerstin Lau von Uffbasse.

Dass die Kameras wirklich abmontiert werden, kann sich Biegi nicht vorstellen. Denn immerhin wurden mit Hilfe der Videodaten, die 30 Tage lang gespeichert werden und sich dann automatisch löschen, nicht nur Fälle aufgeklärt, sondern auch verhindert: Einmal rettete die Polizei einen Suizidgefährdeten, der von der Brücke am Justus-Liebig-Haus springen wollte. Ein anderes Mal zeigte jemand einen Raubüberfall an und die Aufzeichnung ergab, dass die Tat nur fingiert war. "Und einmal beobachten wir einen Mann, der von der Brücke pinkelt, was genau genommen als Ordnungswidrigkeit gilt", sagt der Polizeichef.

Doch trotz dieser Erfolge räumt die Polizei auch ein, dass ein Teil der Delikte nur verdrängt wurde. "Manche Kriminelle zogen sich in Häuser zurück", so Biegi, oder sie verteilten sich auf verschiedene Orte. Dies erleichtere nicht unbedingt die Polizeiarbeit, so Polizeisprecher Karl Kärchner.

Wichtig sei jedoch, "Angsträume zu nehmen", sagt Stellvertretende Direktionsleiterin Daniela Willing. Dass dies allerdings auch ohne Video geht, beweist der Einsatz der Polizei im Herrngarten: Durch häufige Streifenkontrollen und Erteilen von Aufenthaltsverboten sei es 2004 gelungen, die dortige Drogenszene zu entschärfen, berichtet Biegi. Trotzdem hätte der Polizeidirektor nichts gegen weitere Überwachungskameras oder den Einsatz mobiler Überwachungseinrichtungen. Als möglicher Standort schwebt ihm der Luisenplatz vor. Der sei als "krimineller Brennpunkt" relevant.

Erschienen Juli 2008 in "Frankfurter Rundschau".
Alle Rechte vorbehalten. Verwendung, auch auszugsweise, nur mit vorheriger Gehmigung.

 
< zurück   weiter >
Referenzen
Texte
Online-Projekte
Leseprobe
fotowalker.de: Facettenreiche Industriefotografie
Foto: Carsten Decker

Dampfende Schornsteine, mächtige Zechentürme, in den Himmel ragende Gerüstbauten oder zerfallende Industrieanlagen, Naturgewucher über stillgelegten Schienen und bröckelnden Backsteinmauern: Industriefotografie ist vielfältig und beeindruckend, manchmal erschreckend monströs, manchmal bezaubernd schön...

weiter …
 

Counter by GOWEB
Counter by GOWEB