Blick in die Kinderstube der Säugetiere
Umwelt

Im Ölschiefer der Grube Messel ruhen Millionen Jahre alte Fossilien. Regelmäßige Führungen erlauben auch Nicht-Wissenschaftlern einen Blick in die Vergangenheit.

 

VON CLAUDIA HORKHEIMER

 

Grube Messel (Quelle: C. Horkheimer)Messel. Der Eingang zum Unesco Weltnaturerbe Grube Messel wirkt unpompös: Ein Maschendrahtzaun, zahlreiche Schilder, die auf die Firmen Ytong und ZAW hinweisen, lassen den Eindruck entstehen, man befinde sich in einem gewöhnlichen Industriegebiet. Ein Industriegebiet ist die 47 Millionen Jahre alte Grube in der Tat. Denn dass der Fundort zahlreicher spektakulärer Fossilien überhaupt entdeckt wurde, ist der industriellen Nutzung zu verdanken, erzählt Sigfried Treichel vom Museumsverein Grube Messel, der regelmäßig Führungen in die Grube veranstaltet.

 

Die erste Station des etwa zwei Stunden dauernden Rundgangs ist eine Plattform von der man über die 800 Meter durchmessende Grube schauen kann. Der ehemalige Maarkratersee ist umsäumt von Bäumen und Büschen, liegt still da. Die rötlich-braune Farbe des Ölschiefers dominiert die Grube, wird nur von einigen gelben Blumen unterbrochen. 90 Meter tief geht es hinunter. Ein Milan schreit in der Luft. Bereits von hier oben kann man zwei Ausgrabungsstellen sehen, kleine Zelte mit einer Handvoll Leute. „Das Senckenbergmuseum und das Landesmuseum sind gerade hier“, sagt Treichel und deutet hinunter.

So friedlich war es hier nicht immer, denn die Grube wurde 150 Jahre lang intensiv als Lieferantin von Eisenerz, Braunkohle und Ölschiefer genutzt. Schon zu Beginn wurden auch Fossilien entdeckt, doch da diese schnell zerbröckelten wenn sie an die Luft kamen, maß man ihnen in der Öffentlichkeit keine große Bedeutung zu. Spektakulärer fand man die Entdeckung des Ölschiefers um 1880. Verbrannte man die Tonerde wurde Gas freigesetzt, das brennbar war. „Je nach Temperatur kam ein anderer Stoff heraus“, erklärt Treichel. So wurden beispielsweise Paraffin, Schmier- oder Dichtungsstoffe oder auch Dieselöl gewonnen.

 

„Alles in allem wurden in 150 Jahren jedoch nicht mehr als fünf Tanklastschiffe heutiger Bauweise voll gefördert“, so Treichel. Damit war es jedoch vorbei als Öl der arabischen Staaten auf den Markt drängte. Die Firma Ytong siedelte sich Anfang der 60er Jahre an, um den übrig gebliebenen Schlackestoff für Ihre Baustoffproduktion zu verwenden. Daraus entstehen beispielsweise die Kügelchen für Hydrokultur oder der rote Belag von Tennisplätzen. 1971 kam die Idee auf, die Grube als Mülldeponie zu nutzen. Es begann ein 25 Jahre währender Kampf zwischen Bürgerinitiative, die die Fossilien schützen wollte, und den Verfechtern einer Deponie. „Während dieser Zeit entbrannte der reinste Goldrausch nach Fossilien“, erinnert sich Treichel.

Wissenschaftler und Hobbygräber kamen und plünderten die Grube. Dabei sei viel zerstört worden. Allerdings entdeckten die Hobbygräber eine Methode, um die Fossilien in Kunstharz haltbar zu machen. Ab diesem Zeitpunkt, konnte man die einzigartigen Funde der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Jedoch erst als sich die Gesetzeslage änderte und Tiefdeponien wegen des Grundwasserschutzes nicht mehr erlaubt waren, wurde der Streit per Gerichtsentscheid zu Gunsten der Fossilien entschieden und die Paläontologen konnten aufatmen. Die Fossilien, entstanden durch Tierkadaver, die in den Maarkratersee gesunken und unter Algen- und Sandschlick luftdicht konserviert waren, waren von 1995 an geschützt.

 

Treichel führt die Gruppe auf einem geschlungenen Weg hinunter in die Grube. Der Biologe, seit vier Jahren im Ruhestand, war damals selbst bei der Bürgerinitiative aktiv. Heute macht er ehrenamtlich etwa 40 Führungen im Jahr. „Der Museumsverein hatte die letzten 25 Jahre das Monopol darauf“ erzählt er. Nun baut die Messel GmbH des Landes Hessen am Rande der Grube gerade ein Informationszentrum und betreibt ebenfalls regelmäßig Führungen. Dann wird das kleine Museum des Vereins, das einige Kilometer entfernt im Ort Messel liegt, sicher nicht mehr so oft von den Touristen aufgesucht. Doch von Konkurrenzdenken sei keine Spur, so Treichel „Wir arbeiten zusammen“.

 

Nach einigen weiteren Zwischenstopps bei denen Treichel anschaulich über die verschiedenen Erdzeitalter und die Entstehung des Maarsees berichtet, kommen wir am Boden der Grube an. „Hier herüber, ich will Ihnen eine Grabungsstelle zeigen“, ruft er seinem 20köpfigen Publikum zu. Aus der Nähe sind nun die verschiedenen Schichten des Ölschiefers gut zu erkennen. „Sieht aus wie Blätterteig“, meint eine Teilnehmerin. Direkt unter dem Schuh einer anderen Frau entdeckt Treichel spontan einen Brocken mit einem Fossil. Der Blick durch die Lupe bestätigt: „Koprolit“.

 

Die Zuschauer sind begeistert. Lachen müssen sie allerdings, als sich herausstellt, dass es sich um nichts anderes als Krokodilsknoddel handelt. Anhand seiner Form könne man erkennen, was das Krokodil gefressen habe, erklärt Treichel. Überhaupt seien die Fossilien hier einmalig, weil sie durch den Bakterienabbau so gut erhalten sind. „Man erkennt, ob ein Tier Haare hatte, was sein Mageninhalt war und sogar welche Farbe Käfer hatten“. Man finde hier Urformen von Tieren, die heute nirgends sonst existieren. „Die Grube Messel erlaubt einen Blick in die Kinderstube der Säugetiere“, schwärmt Treichel.

 

Erschienen Mai 2007 in "Die lokale Zeitung", Groß-Zimmer - Dieburg.
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