NACHRICHTENAGENTUR DDP: Kein Monster auf Burg Frankenstein?
Psychologie und Soziales

 

Burg Frankenstein (Quelle: C. Horkheimer)

Mühltal (ddp-hes). Die Burg Frankenstein im hessischen Mühltal lockt schon seit Jahrzehnten Gruselfans, Literaten und Geschichtsforscher aus aller Welt an. Denn das historische Gemäuer gilt als Namensgeber für Mary Shelleys 1818 (damals noch anonym) erschienenen Roman «Frankenstein oder Der moderne Prometheus». Seither ranken sich Schauergeschichten um die Burg: Angeblich soll der Alchemist Johann Konrad Dippel, das reale Vorbild für die Romanfigur Frankenstein, im 18. Jahrhundert dort ein Labor betrieben haben. Recherchen des Geschichtsvereins Eberstadt-Frankenstein zufolge ist das jedoch alles Mumpitz.

Michael Müller und seine Kollegen vom Geschichtsverein haben die Behauptungen, die der Burgschreiber und Journalist Walter Scheele vor einigen Jahren in einem Buch veröffentlicht hat, nun «erstmals derart umfassend» überprüft. Sein Fazit: «Am Monstermythos um die Burg Frankenstein ist nichts dran.» So könne zwar bewiesen werden, dass der Naturwissenschaftler Dippel 1673 auf der Burg Frankenstein geboren wurde. Er habe dort aber nicht experimentiert, sagt Müller.

Solche Experimente müssten aus alten Militärunterlagen hervor gehen. Die Burg war damals eine Unterkunft für Kriegsinvalide. «Da wurde alles genau protokolliert», sagt Müller. Ein Labor oder gar die Sprengung eines Turms, die Dippel zugeschrieben wird, hätte für Aufruhr gesorgt. Dennoch hält sich der Mythos hartnäckig. Richtig bekannt geworden ist Shelleys Geschichte übrigens erst mehr als 100 Jahre nach der Veröffentlichung als Verfilmung: 1931 verlieh James Whale in seinem Film mit Boris Karloff in der Rolle der Kreatur dem Frankensteinschen Monster das bis heute bekannte Aussehen mit den beiden Schrauben im Hals.

Auch Schriftstellerin Shelley war wahrscheinlich nie selbst auf der Burg, sagt Müller. Dies hätte die Autorin sonst mit Sicherheit in ihre Tagebücher geschrieben, deren Abschriften der Historiker studiert hat. In ihnen beschreibt Shelley zwar eine Rheinfahrt und ihren Aufenthalt in Gernsheim vier Jahre vor Veröffentlichung des Buches. Dort falle aber kein Wort über die Burg Frankenstein.

Der gescholtene Burgschreiber Scheele wiederum kritisiert, dass der Geschichtsverein nicht die Original-Tagebücher gelesen habe, so wie er. Dort habe Shelley durchaus Frankenstein erwähnt. Die Bücher befänden sich jedoch im Privatbesitz einer Genfer Bankiersfamilie. Scheele will über persönliche Beziehungen Zugang erhalten haben.

Ein weiterer Beleg soll laut Scheele ein Brief von Jakob Grimm an Shelleys Stiefmutter gewesen sein, der angeblich eine Geschichte über einen Zauberer auf Burg Frankenstein enthalten soll, der aus Leichenteilen ein neues Wesen zusammensetzt. In der Bodleian Library in Oxford, wo dieser Brief vermutet wird, wusste man auf Anfrage Müllers nichts davon. «Eine solche Legende gibt es nicht und ein Brief existiert wahrscheinlich auch nicht», ist er überzeugt.

Nicht einmal der Kontakt zwischen Grimm und Shelleys Stiefmutter, die angeblich einige Geschichten der Brüder ins Englische übersetzt haben soll, könne nachgewiesen werden, sagt Müller: Weder im Grimm-Forum noch bei der Brüder-Grimm-Gesellschaft in Kassel sei etwas von Grimm-Übersetzungen durch Shelleys Stiefmutter bekannt. «Natürlich nicht», sagt Burgschreiber Scheele. Die Übersetzungen seien nicht unter dem Namen von Shelleys Stiefmutter veröffentlicht worden, weil sie sonst niemand gekauft hätte, sagt er.

Scheele räumt allerdings ein, dass der Brief von Jakob Grimm an Shelleys Stiefmutter derzeit nicht auffindbar sei. Er sei Teil des Shelley-Nachlasses, der vor drei Jahren von einem Privatmann für drei Millionen Pfund gekauft worden sei. «Der Brief wird derzeit noch gesucht», erläutert er. Er selbst habe ihn jedoch persönlich bei seinen Recherchen in London gesehen.

Auch andere schriftliche Beweise sind laut Scheele in den vergangenen Jahren auf unerklärliche Weise verschwunden. «Es gab Dokumente in Archiven und Kirchenbüchern, die plötzlich weg sind, auf die es aber noch Querverweise gibt», sagt der Burgschreiber.

Der Geschichtsverein seinerseits hatte indes schon in der Vergangenheit angeprangert, dass Scheeles Behauptungen nicht beweisbar seien. Allerdings sei man damit in der Öffentlichkeit auf taube Ohren gestoßen, sagt Müller. Nicht nur in der Touristikbranche wurde der Monstermythos bereitwillig aufgegriffen. Auch in den Medien fanden Scheeles Theorien großen Anklang und verbreiteten sich bis in den englischsprachigen Raum. «Es verkauft sich eben gut», sagt Müller.

 

Oktober 2008 für ddp.
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Biene (Quelle: C. Horkheimer)

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