ÖKOTEST MAGAZIN: Darf's ein bisschen Meer sein?
Umwelt

Schönheit und Heilung aus dem Ozean

VON CLAUDIA HORKHEIMER 

Meer Quelle: C. Horkheimer)

Sich wohlfühlen wie ein Fisch im Wasser - wer möchte das nicht? Gerade wenn sich der Alltagsstress mal wieder mit verspannten Schultern, unreiner Haut und allgemeiner Lustlosigkeit bemerkbar macht, sehnen sich viele nach Erholung für Körper und Seele. Ein seit Jahrtausenden bekanntes Verfahren, die Thalasso-Therapie, verspricht Hilfe und erfreut sich im Zuge des Wellnessbooms zunehmender Beliebtheit. Doch die Meerestherapie ist nicht nur ein Modetrend, sondern auch eine anerkannte medizinische Therapie bei zahlreichen Krankheiten.

 

„Ich fühlte mich wie neugeboren und die Neurodermitis bei meinem vierjährigen Sohn heilte innerhalb weniger Tage ab“, schwärmt eine 32jährige Urlauberin von ihrem letzten Thalasso-Urlaub in Tunesien. Weite Strände, weicher Sand und stundenlange Spaziergänge. Abends dann für zwei Stunden in die warm sprudelnde Thalasso-Wanne eintauchen und zum wohltuenden Ganz-Körperpeeling mit anschließender Algenpackung – die übrigens kein bisschen muffelt, sondern angenehm duftet! „Danach ist die Haut total weich. Man fühlt sich einfach schön!“. Ob sie wieder ein Thalasso-Zentrum besuchen würde? „Jederzeit! Denn es ist absolut angenehm und entspannend.“

 

Die Thalasso-Therapie – der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet Meer und Behandlung – umfasst alle Behandlungsmethoden, die in Küstennähe mit Meerwasser, Algen und Schlick möglich sind (siehe Kasten). Die Wirkungsweise der Anwendungen ist vielseitig: Durch die warmen Bäder öffnen sich die Hautporen. Im Meerwasser enthaltene Spurenelemente wie Kalzium, Kobalt und Eisen können aufgenommen werden. Gleichzeitig werden Giftstoffe ausgeschieden. Zudem lagert sich das Salz des Wassers in der obersten Hautschicht ein und wirkt flüssigkeitsbindend. Die Bäder führen auch dazu, dass die Haut lichtempfindlicher wird. Dies fördert die dazugehörige Licht-Therapie, die stimmungshebend und anregend wirkt. Algen, die in Form von Packungen und Bädern, verabreicht werden, besitzen unter anderem einen großen Jodgehalt, der die Schilddrüsenfunktionen und damit den Stoffwechsel reguliert. Meeresschlick, der ebenfalls für Bäder und Packungen verwendet wird, wirkt durch seinen hohen Schwefel- und Solegehalt entzündungshemmend und juckreizstillend. Durch das Einatmen der ebenfalls jodhaltigen Meeresluft werden die Atemwege befreit.

 

Schon vor mehr als 2000 Jahren nutzte der griechische Arzt Hippokrates den wohltuenden und heilenden Effekts des Ozeans und hielt Behandlungsmethoden gegen Rhema und Ischiasleiden in seinen Schriften fest. Allerdings ging dieses Wissen im Laufe der Zeit verloren. Im Mittelalter war es in Mitteleuropa generell verpönt zu baden. Erst im Zuge der Aufklärung wurde die Ertüchtigung im Wasser wieder salonfähig. Um 1750 fiel dem Londoner Arzt Richard Russel auf, dass Küstenbewohner weit weniger krank waren als die übrigen Menschen. Er behandelte daraufhin seine Patienten mit Meerwasserbädern und hatte Erfolg. Etwa 150 Jahre später bewies der französische Biologe René Quinton die physiologische Ähnlichkeit zwischen Meerwasser und dem menschlichen Blutplasma. Schließlich entstand 1964 das erste Thalasso-Zentrum im französischen Quiberon. Heute gibt es rund ums Mittelmeer sowie an Nord- und Ostsee zahlreiche Zentren und Kurbäder, die zum Ausspannen, Regenerieren und Heilen einladen.

 

Die medizinische Thalasso-Therapie ist die eigentliche Klimatherapie an der Meeresküste, die gegen Krankheiten wie chronische Bronchitis, Neurodermitis, Schuppenflechte, Kreislaufstörungen und Gelenkerkrankungen eingesetzt wird. Wichtig für eine heilende Wirkung ist eine Behandlungsdauer von vier Wochen, die sich bei älteren Menschen auf sechs Wochen verlängern kann, erklärt Christoph Gutenbrunner, Leiter des Instituts für Balneologie und medizinische Klimatologie der Medizinischen Hochschule Hannover. „Nur eine lange Anwendung kann den sogenannten Trainingseffekt im Körper auslösen und zu einer medizinischen Wirkung führen“. Besonders wichtig sei die richtige Dosierung der Lichttherapie. „Denn die Meerestherapie erhöht die Empfindlichkeit der Haut gegenüber UV-Licht und es können Schäden entstehen, wenn die Patienten nicht richtig angeleitet werden“, so der Experte.

 

Nicht nur bei Krankheit , sondern auch für das Wohlbefinden und die Schönheit wirkt Thalasso. Porentief reine Haut, ein gesunder Teint und glänzendes Haar sind nur einige der Effekte, die die Meerestherapie hat. Im Wellnessbereich baut Thalasso auf die gleichen Anwendungen wie die klassische Therapie; allerdings meist in einer zeitlich verkürzten Version. Das Spektrum reicht von Einzelbehandlungen mit Bädern und Packungen, die man stundenweise bekommen kann bis hin zu Kuren, die meist drei bis sieben Tage dauern. Die Angebote dienen in erster Linie der Erholung, der Regeneration der Haut, der Straffung des Bindegewebes, der Entschlackung und der Anregung des Stoffwechsels.

Immer mehr Hotels, Schönheitsfarmen und Kosmetikstudios haben Thalasso-Angebote im Programm. Da jedoch der Begriff „Thalasso-Therapie“ nicht rechtlich geschützt ist, werden häufig Meeresprodukte als Heil- und Zusatzmittel in der Kosmetik unter der gleichen Bezeichnung verwendet, was mit der Meerestherapie wenig zu tun hat, bemängelt der D eutsche Bäderverband in seiner Thalasso-Broschüre.

 

Nur Anbieter, die wenigstens über eine Wanne und eine Dusche verfügen, dürfen ihr Angebot Thalasso nennen und werden entsprechend zertifiziert, erklärt Angelika Baur-Schermbach, Fachbereichsleiterin für Beauty und Körperpflege des Deutschen Wellness-Verbands. „Es reicht nicht aus, ein Peeling und eine Algenpackung zu machen. Zu einer Meerwasserbehandlung gehört nun mal Wasser“, so die Expertin.

 

Dabei darf das flüssige Nass laut der Kosmetikerin ruhig auch aus dem Wasserhahn kommen. Zur Aufbereitung gibt es Badezusätze aus Meersalz und getrocknete Algen. „Natürlich ist die Wirkung nicht so hundertprozentig wie eine richtige Meereskur,“ räumt Baur-Schermbach ein, „aber für den, der etwas für seinen Körper tun will ohne gleich zum Meer fahren zu müssen, ist das in Ordnung.“

 

Präparate für die Thalasso-Anwendung zu Hause (Rezepte siehe Kasten) gibt es in Apotheken, Reformhäusern und im Internetversand. Sie bestehen aus Meersalz und getrockneten, pulverisierten Algen oder Meeresschlickextrakt. Allerdings sollte man sich bei der Auswahl beraten lassen. Denn je nachdem, was man erreichen will, unterscheiden sich Zusammensetzung und Art der Anwendung.

 

Weltweit führende Länder für die Meeres-Therapie sind Frankreich – die Wiege der Therapie - und Tunesien mit seinen 1300 Kilometern Strand. In Deutschland bieten zahlreiche Kurbäder und -hotels an Nord- und Ostsee Thalasso an. Da die Behandlungen in geschlossenen Räumen stattfinden, ist die kühle Jahreszeit ideal für Thalasso-Reisende.

Die Kosten für eine einwöchige Kur samt Unterkunft und Verpflegung liegen bei etwa 500 bis 1200 Euro. Einzelne Anwendungen und eintägige Schnupperangebote gibt es schon zwischen 50 und 100 Euro und ein Thalasso-Wochenende auf einer Schönheitsfarm kann man für 150 Euro buchen. Wenn die Meeres-Therapie wegen Krankheit angeraten ist (Bescheinigung durch den Hausarzt oder den behandelnden Facharzt erforderlich), übernimmt die Krankenkasse unter Umständen einen Teil der Kosten.

 

Erschienen April 2004 in "ÖKOTEST".
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