FRANKFURTER RUNDSCHAU: "Sie verspielen ihr Leben"
Psychologie und Soziales
Computerspielsucht wird nicht als Krankheit anerkannt / Angehörige von Süchtigen fühlen sich oft machtlos
 
VON CLAUDIA HORKHEIMER



Wenn Christa S. einmal die Woche ihren Sohn in seiner Wohnung besucht, um ihm die Wäsche zu waschen, ist sie froh, wenn er den Computer abschaltet. "Das ist schon ein Fortschritt", sagt sie und lächelt betrübt. Ihr Sohn Michael S. ist seit zehn Jahren computerspielsüchtig. Sein Tagesablauf ist immer gleich: Spielen bis in die Nacht, schlafen bis mittags um drei - und wieder spielen, erzählt sie. Daneben gibt es nichts. Auch das Essen sei unwichtig geworden. Bei 1,96 Meter wiegt der 24-Jährige knapp 68 Kilo. "Ein letzter Strohhalm" seien diese Besuche, sagt die 55-Jährige.

 

Begonnen hatte es damit, dass Michael mit 14 einen eigenen Computer bekam. "Ab da galten Absprachen nicht mehr, die vorher gegolten hatten", erinnert sie sich. Anfangs nahm er noch am Familienleben teil, aß mittags mit. Doch das fiel mehr und mehr weg. Er zog sich von der Familie zurück. Schmiss die Schule, brach eine Ausbildung nach der anderen ab. Es ging soweit, dass Christa S. ihrem Sohn den Computer wegnahm. Doch daraufhin wurde er gewalttätig. Vergriff sich an seinem älteren Bruder. Christa S. fühlte sich machtlos: "Es war keine normale Kommunikation mit ihm mehr möglich." Inge G. kennt diese Ohnmacht. Auch ihr Sohn Florian G. spielte seit seinem 14. Lebensjahr mehr am Computer als ihm guttat. "Er wollte nichts anderes mehr machen. Sein einziges Ziel bestand darin, am Computer zu spielen." So brach auch er die Schule ab.

 

Die Eltern kappten die Internetverbindung, limitierten seine Spielzeit. Doch er fand immer einen Weg, trotzdem zu spielen. Heute ist er 18 und hat sich gefangen. Macht seinen Schulabschluss nach und hat eine feste Beziehung. Trotzdem: "Ein Jahr hat er verloren", sagt Inge G. Christa S. plagen heute Schuldgefühle. "Doch was hätten wir anders machen können?", fragt Inge G. - Beide treffen sich regelmäßig in einer Darmstädter Selbsthilfegruppe. Häufig kommen Ratsuchende zu ihnen, doch die bleiben meist nicht lange, sobald sie merken, dass es kein Patentrezept gegen die Spielsucht gibt. "Die Übergänge sind fließend", sagt Inge G. Wolfgang Schmidt, Geschäftsführer der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen, spricht in diesem Zusammenhang auch nicht gerne von "Sucht", sondern von "Problematik". Eine Problematik, die allerdings mit häufigerer Verwendung der Medien zunehme. Doch gebe es bislang weder repräsentative Untersuchungen noch ausreichend Hilfsangebote.

 

Keine anerkannte Krankheit 

 

Denn die Computerspielsucht ist keine anerkannte Krankheit, deswegen fehlt es an Geldgebern für Diagnose und Behandlung. Doch das sei vor 20 Jahren mit Essstörung und vor zehn Jahren mit der Glücksspielsucht genauso gewesen, sagt Schmidt. Zur Bekämpfung der Glücksspielsucht wird mittlerweile mehr getan. Der Caritasverband Darmstadt hat gerade 1,5 neue Planstellen zur Versorgung der Stadt, des Landkreises Darmstadt-Dieburg und des Kreises Groß-Gerau erhalten. Dies geschieht vor dem Hintergrund des Staatsvertrages der Länder zum Glücksspielwesen. Auch in den Jahren davor wurden schon Spielsüchtige im Suchthilfezentrum der Caritas beraten. Doch ihre Zahl steigt: "Tendenziell hat sich die Zahl der Ratsuchenden in diesem Jahr bereits verdreifacht", sagt Leiterin Heike Slangen. Mehr als 15 Millionen Euro haben Spieler in der Region 2007 in Spielhallen und an Gaststättenautomaten verzockt.

 

Grenzen sind fließend 

 

Dabei sind die Grenzen zwischen Computerspielsucht und Glücksspielsucht fließend. "Beispielsweise fällt das Pokerspiel im Internet in eine Grauzone", so Slangen. Für Klaus, einen anonymer Glücksspieler, gibt es keinen Unterschied zwischen Glücksspiel und Computerspiel. Er selbst war jahrelang glücksspielsüchtig, engagierte sich später in mehreren Selbsthilfegruppen zu Glücksspiel und Computerspielsucht. Gemeinsam sei allen der Kontrollverlust und der damit einhergehende Zeitverlust. "Sie verspielen ihr Leben", sagt er. Aus Sicht der Spielenden sieht das anders aus. "Du bist diejenige, die ein Problem hat", musste sich Christa S. oft genug von ihrem Sohn anhören. Klar, wer sich online mit seinen Freunden zum Spielen trifft, Abenteuer und Gruppenzusammengehörigkeit erlebt, die in der realen Welt so nicht stattfinden, hat unter Umständen gar keinen Bedarf in die Schule zu gehen oder zu arbeiten. "Das ist wie beim Leistungssport", sagt Andreas, er spielt regelmäßig ein Online-Rollenspiel, "da muss man auch jeden Tag trainieren." Dafür Verständnis aufzubringen fällt Außenstehenden schwer. Christa S. und Inge G. haben die Spiele ihrer Söhne nie ausprobiert. Die Technik schreckte sie ab, und die Zeit war ihnen dafür zu schade, so sagen sie. Vielleicht hätten sie dadurch aber eine Basis behalten, um mit ihren Kindern im Gespräch zu bleiben.

 

Erschienen Mai 2008 in "Frankfurter Rundschau".
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