FRANKFURTER RUNDSCHAU: "Keine heile Welt"
Psychologie und Soziales

Abseits im Wald zwischen Nieder-Ramstadt und Nieder-Beerbach liegt das Haus Burgwald. Eine Rehaklinik für Suchtkranke mit 40 Plätzen. Hier laufen die Fäden des Midkom-Projekts zusammen.

 

VON CLAUDIA HORKHEIMER

Midkomzentrale (Quuelle: C. Horkheimer)

Midkom ist die Abkürzung für "Mobilität in der Kommune" und wird seit einem halben Jahr in Mühltal, Ober-Ramstadt und Groß-Zimmern angeboten. Im Haus Burgwald koordinieren ehemalige Drogenabhängige mittlerweile monatlich 170 Fahrten des Sammeltaxis und neuerdings auch eines Sammelbusses.

Einer der Initiatoren ist Jürgen Rink. Seit eineinhalb Jahren leitet der Psychologe das Haus Burgwald und ist bestrebt, der Einrichtung - Träger ist das Diakonische Werk - ein neues Profil zu verleihen. "Wir wollen gegenüber den Gemeinden transparenter werden", sagt er. Wenn mehr Orte sich am Projekt beteiligen würden, könnte die Klinik für ihre Patienten mehr Jobs schaffen, so Rink.

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Arbeit für Suchtkranke

Wiedereingliederung in die Gesellschaft ist zentraler Punkt der Therapie. Seit Jahren macht sich Rink dafür stark. In Heidelberg hat er zusammen mit seiner vorherigen Wirkungsstätte bereits zwei Projekte initiiert: Die Druckerei "Print" existiert seit zehn Jahren, in der Gaststätte "Stazione" bewirten seit 2005 Ex-Abhängige. "Es hat keinen Sinn, den Patienten eine heile Welt vorzuspielen", sagt Rink, deshalb sei der Einsatz in einem Job, wo Alkohol ausgeschenkt wird, eine gute Übung.

70 Prozent im Haus Burgwald sind alkoholsüchtig, der Rest konsumierte andere Drogen (außer Heroin) und Medikamente oder leidet unter Essstörungen. Etwa die Hälfte hat keine Arbeit. "Für diese Menschen braucht man eine Beschäftigung", so Rink. Denn die Zahl der Rückfälligen sei gestiegen, seit die Rentenkassen die Therapie um die Hälfte auf drei Monate verkürzt haben.

Schon während der stationären Therapie setzt Rink auf Erlebnis- und Bewegungsangebote wie Kanufahrten, Klettern oder Wandern. Das ersetze bei vielen das Hochgefühl, das sie sich sonst durch die Droge verschaffen.

Derzeit erforscht Rink die Gehirnschädigungen, die durch Drogenkonsum verursacht werden, um Rehaprogramme anpassen zu können. Da viele seiner Patienten comorbid sind, das heißt, sie leiden gleichzeitig unter Sucht und Psychose, laute die Frage: Was war zuerst da, Sucht oder seelische Probleme? Auch fehle vielen Drogenabhängigen die Fähigkeit, strukturiert zu handeln. Rink will deshalb eine Diagnostik entwickeln, mit der man messen kann, welche "Tendenz zum Chaotisieren" beim Patienten besteht. Struktur und Ordnung können ehemalige Patienten in Beschäftigungsmodellen wie Midkom erlernen.

Roland Marschner-Rebhan ist einer von ihnen. Der 51-Jährige war wegen Alkohol im Haus Burgwald. Wegen der Sucht verlor er den Job und wusste im Anschluss an die Behandlung nicht, wie es weiter gehen soll. Zahlreiche Bewerbungen blieben erfolglos. "Es war deprimierend und niederschmetternd, nicht mehr gebraucht zu werden", erinnert er sich. Doch er hatte Glück und arbeitet bei Midkom mit.

 

Erschienen März 2008 in "Frankfurter Rundschau".
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