FRANKFURTER RUNDSCHAU: Ali Abbas’ geschundenes Paradies
Psychologie und Soziales

Darmstadt • Bei einer Foto-Ausstellung über Bagdad denkt man automatisch an Gewalt, Blut und Terror. Doch Abbas Ali Abbas, der heute seine erste Ausstellung in Darmstadt eröffnet, will mehr zeigen.

 

VON CLAUDIA HORKHEIMER

Café in Bagdad (Quelle: Abbas Ali Abbas)

Wer seine vorwiegend in schwarz-weiß gehaltenen Bilder anschaut, der wagt einen Blick hinter die Kulissen. Der sieht Momentaufnahmen vom Leben in Abbas’ Heimat: einer vom Leid seit Jahren durch Krieg und Tyrannei geschundenen Bevölkerung. Die Bilder, die der gebürtige Iraker 2005 in seiner Heimatstadt Bagdad aufgenommen hat, gehen unter die Haut. Beispielsweise der verkniffene Gesichtsausdruck eins kleinen Jungen, der versucht mehrere Holzbretter zu schleppen und dem sie immer wieder herunter fallen.

 

So wie dieser Junge hat auch Abbas bereits mit acht Jahren am Schauplatz der Aufnahmen angefangen zu arbeiten. „Das war wirklich hart“, sagt er mit ruhiger tiefer Stimme. Der heute 55 Jährige hatte bereits damals nur ein Ziel vor Augen: Geld zu sparen und sich eine Kamera zu kaufen. Für eine Mark pro Woche schuftete er und es dauerte einige Zeit bis er endlich seine Kodak in Händen hielt. Er lächelt bei der Erinnerung daran. „Ich musste eine Woche für einen Film arbeiten und noch einmal eine Woche, um ihn entwickeln lassen zu können“.

Bis er 18 war arbeitete er wie sein Vater als Schweißer und Schlosser. Dann rief der Wehrdienst, doch Abbas flüchtete nach wenigen Monaten vom Militär. Eine zeitlang konnte er untertauchen, weiter als Schlosser arbeiten und sich in zahlreichen Passkontrollen durchmogeln. Doch irgendwann fanden sie ihn und er musste seinen Militärdienst zu Ende ableisten. Danach machte er sich mit einem Stahlbauunternehmen selbstständig. „Wir bauten Hallen und Stahlkonstruktionen“. Während dieser Tätigkeit bereiste Abbas den gesamten Irak. „Ich lernte jede Stadt von Norden bis Süden kennen“.

 

Sein letzter großer Auftrag war im Nordirak als der erste Golfkrieg 1980 ausbrach. Abbas war schnell klar, dass er als Reservist bald in den Krieg einberufen werden würde. Doch zum Militär wollte er auch diesmal auf keinen Fall. Außerdem sollte seine noch nicht geborene Tochter einmal ein normales Leben führen können. Also reiste er mit seiner schwangeren Frau aus und ging nach Deutschland, wo sein älterer Bruder bereits studierte. Hier arbeitete Abbas zunächst als Gärtner.

Nach einer beruflichen Fortbildung konnte er bei der Darmstädter Firma Donges Stahlbau in der Mainzer Straße unterkommen und war weitere 15 Jahre als Schweißer und Schlosser tätig. Heute hat Abbas die deutsche Staatsbürgerschaft, ist zum zweiten Mal verheiratet und ist seit fünf Jahren Busfahrer in Darmstadt.

 

Was er bei all diesen Veränderungen jedoch immer beibehalten hat, ist seine Leidenschaft für das Fotografieren. Warum er es nicht beruflich mache? Das wäre sein größter Traum, erklärt er. Doch er habe nie die Möglichkeit dazu gehabt. Als er 1991 nach elf Jahren zum ersten Mal wieder seine Heimat besuchte nahm er kein einziges Mal den Fotoapparat in die Hand. „Ich war zu schockiert darüber, was Krieg und Embargo dem Land angetan hatten“, seine Augen werden feucht.

 

Und wenn er heute den Irak besucht, stellt es für ihn auch ein Risiko dar, denn er hat keinen irakischen Pass mehr und steht in Gefahr von Behörden drangsaliert zu werden. Trotzdem zieht es ihn immer wieder zurück. Nicht zuletzt wegen seiner 75 Jahre alten Mutter, die als einzige der Familie im Irak zurückbleiben musste. Doch es hat auch sein Gutes, denn Abbas ist davon überzeugt, dass er die Situation seiner Landsleute besser mit seiner Kamera einfangen kann als dies beispielsweise ausländischen Fernsehteams möglich ist.

Und es ist sein wichtigstes Anliegen, der Welt zu zeigen, unter welch katastrophalen Umständen die Menschen im Irak leben. Wie Kinder auf Müllhalden spielen, Alte, Kranke, müde Männer und Frauen den täglichen Überlebenskampf bestehen. Ohne Demokratie, ohne Strom, ohne medizinische Versorgung und ohne Perspektive. Das ist „Bagdad – geschundenes Paradies“ – wie der Titel der Ausstellung heißt.

 

Jetzt will Abbas erst einmal einige Ausstellungen machen. In Ludwigshafen und Bagdad hatte er bereits größeren Erfolg. „Ich wusste ja vorher gar nicht, ob die Menschen sich überhaupt für meine Bilder interessieren würden“, er lächelt zurückhaltend. Nach Darmstadt plant er noch weitere Ausstellungen, unter anderem in Berlin. Vielleicht sogar Frankreich, „doch das alles kostet viel Zeit, wenn man außerdem seine Familie ernähren muss.“

 

Erschienen 2007 in "Frankfurter Rundschau".
Alle Rechte vorbehalten. Verwendung, auch auszugsweise, nur mit vorheriger Gehmigung.

 
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