FRANKFURTER RUNDSCHAU: Die Geburtshelferin
Psychologie und Soziales

 

VON CLAUDIA KABEL

 

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie von einem LKW überrollt werden, dann haben Sie es geschafft.“ So beschreibt Hebamme Edith Jung den schlimmsten Moment der Niederkunft und liegt damit gar nicht so falsch. „Manche Leute machen Bungee-Jumping, um an ihre  Grenzen zu stoßen. Jede Frau hat die Chance auf eine heftige Grenzerfahrung  bei  der Geburt“, sagt sie. Wer die  ohne schmerzhemmende Mittel durchgestanden  habe,  könne zu Recht stolz auf sich sein. So etwas spare der einen oder anderen eine Psychotherapie, ist die  62-Jährige überzeugt. Leider verlangen die Frauen heute zu leichtfertig eine PDA, also eine lokale Betäubung. Damit ließen sie ihr Kind während der Geburt alleine.

 

Seit 40 Jahren ist Edith Jung Hebamme, rund 8000 Kindern half sie bis heute auf die Welt. So genau weiß sie das nicht, denn irgendwann hat sie  aufgehört zu zählen.  Den Beruf sieht sie als  eigenständiges Handwerk an, nicht als Assistenz für Ärzte. Sie   war tätig an den Universitätskliniken Marburg und Frankfurt, an Krankenhäusern in Zürich, Darmstadt und Jugenheim und arbeitet seit  mehr als 20 Jahren freiberuflich. Heute betreibt sie eine Praxis in Darmstadt und ist Koordinatorin des Familienhebammenprojektes in Offenbach, das sozial schwache Familien unterstützt. 

 

Edith Jung, ursprünglich Erzieherin, ergriff den Beruf   aus Überzeugung – trotz der harten Arbeitszeiten.  „Manchmal  wurde ich in drei von sieben Nächten gerufen“, sagt sie. Das sei kein Problem gewesen, denn dafür hatte sie ja zu anderen Zeiten frei und konnte zum Beispiel montagmorgens ins Schwimmbad gehen.

Mit den Jahren ist sie wählerischer geworden, was ihre Klientinnen anbelangt. In der Geburtsbetreuung  und der Nachsorge nimmt sie nur noch Frauen an, die zuvor bei ihr im Geburtsvorbereitungskurs waren.  Das müsse „passen“. Sie könne niemanden betreuen, der seinem Kind von vorneherein einen Schnuller gibt, um es ruhigzustellen, und dreimal am Tag ein Fläschchen mit Fencheltee reicht.  Leider fehle    vielen Eltern die Intuition  und der gesunde Menschenverstand.  Ihr  absoluter Graus: Ein Kind, das mit drei Jahren noch schnullt, nicht sauber ist und im Kinderwagen ins Frühenglisch gefahren wird.

 

Jungs Ansichten weichen mitunter vom Mainstream ab. Sie propagiert das Familienbett im ersten Lebensjahr, ist eine Gegnerin von Schlafsäcken, Mobiles über dem Wickeltisch und Spielketten an Kinderwagen und füttert die Milch eher mit dem Löffel als mit der Flasche. Sie rät zur Gelassenheit: „Bei Schrei-Babies schaukeln sich Eltern und Kind meist gegenseitig hoch. Legen Sie das Kind auch mal ab, aber bleiben Sie bei ihm, wenn es weint.“  Man könne das Schreien der Kinder in den ersten Wochen  nicht abschalten. Doch der  aufopfernde Gedanke von Müttern, sie müssten sich für ihr Kind aufgeben und permanent für es da sein, sei nicht nur unnatürlich, sondern mitunter auch Anstoß für Beziehungsprobleme.

Eine Mutter, der es nicht gut gehe, könne auch ihr Kind nicht adäquat betreuen. Hier seien deshalb die Väter gefragt, weshalb Jung ausschließlich Paarvorbereitungskurse anbietet und neben ihrer Hebammentätigkeit auch als  Systemische   Einzel- und Paar-Therapeutin tätig ist.   „Mein Tenor ist, dass mit einer Niederkunft nicht nur ein Kind geboren wird, sondern eine Familie.“

 

 

 

 

März 2012 für Frankfurter Rundschau.
Alle Rechte vorbehalten. Verwendung, auch auszugsweise, nur mit vorheriger Gehmigung

 
< zurück   weiter >
Leseprobe
FRANKFURTER RUNDSCHAU: Wo die bessere Welt beginnt

Darmstadt Verein Frida organisiert erstmals Lebensreformtage / Gegen Umweltzerstörung

 

Heidemarie Schwermer lebt seit elf Jahren ohne Geld. "Es sollte zuerst ein Experiment für ein Jahr sein", erzählt die 65 Jahre alte Psychologin bei den Lebensreformtagen, die am Wochenende erstmals in Darmstadt stattfanden. Doch mittlerweile fühle sie sich so wohl damit, dass sie ihre Rente verschenke...

weiter …
 

Counter by GOWEB
Counter by GOWEB