FRANKFURTER RUNDSCHAU: Die zwei Gesichter der Freiheit
Psychologie und Soziales

 

VON CLAUDIA HORKHEIMER

 

Hattersheim. Regine ist seit gestern obdachlos. Die 25-Jährige aus Mainz wohnte bislang bei ihrem Ex-Freund. Doch weil dieser im Gefängnis sitzt, wurde die Wohnung jetzt aufgelöst. Die erste Nacht verbrachte Regine auf dem Güterbahnhof in Mainz. Gemeinsam mit „Küken“ – der 20-Jährige ist seit eineinhalb Jahren ohne festen Wohnsitz – und Stefan , der schon 23 Jahre „auf der Platte“ ist.

„Ein Mann links, ein Mann rechts ging es von den Temperaturen her“, sagt sie am Morgen danach. Sie sitzt mittlerweile im Hattersheimer Haus Sankt Martin am Autoberg. Das ist die einzige Stelle im Main-Taunus-Kreis, wo Wohnungslose dreimal die Woche das ihnen zustehende Tagesgeld von zwölf Euro abholen können.

 

„Bundeswehrschlafsäcke wärmen bis minus 40 Grad“, wirft Küken ein und zeigt stolz auf die drei zusammengerollten grünen Bündel neben sich. Trotzdem bekam Regine am Morgen erstmal einen Schreikrampf: „Ohne heißen Kaffee, ohne Zigarette, wie soll’s mir da gehen?“ Jetzt haben sie das kostenlose Frühstück, das die Caritaseinrichtung anbietet, verzehrt und sich aufgewärmt.

Wohin es als Nächstes geht? „Vielleicht nach Rüsselsheim. Dort morgen Tagesgeld abholen und gleich übernachten“, schlägt Küken vor. Stefan war schon „überall“, wie er sagt. Seit seinem 13. Lebensjahr ist der gebürtige Friese auf der Straße. „Als meine Pflegeeltern mich immer wieder ins Kinderheim steckten, sagte ich irgendwann ’und tschüss!’ und weg war ich.“ Eine Wohnung will er gar nicht mehr. „Das wäre schwierig“, glaubt der 36-Jährige. So schläft er, wo er gerade ist, Hauptsache überdacht. Die Kälte spüre er nicht mehr.

Die Obdachlosenunterkunft in Hattersheim ist fast immer ausgelastet

 

Wie Regine, Küken und Stefan sind rund 250.000 Menschen in Deutschland obdachlos. Etwa zehn Prozent von ihnen verbringen die Nächte wirklich im Freien. Andere sind darauf bedacht, in Obdachlosenunterkünften unterzukommen. Auch in Hattersheim gibt es sechs solcher Schlafplätze. Zu 90 Prozent seien sie im Durchschnitt ausgelastet, sagt der Leiter der Einrichtung, Klaus Störch.

Jetzt in der kalten Jahreszeit werden die Plätze knapper. „Wir weisen niemanden ab“, betont Störch. Notfalls werden Notbetten aufgestellt oder die Gäste an Einrichtungen in Groß-Gerau, Rüsselsheim oder Bad Homburg verwiesen.

Allerdings dürfen Wohnungslose maximal sieben Nächte pro Monat in derselben Einrichtung bleiben. Die Caritas will jetzt erreichen, dass im Main-Taunus-Kreis diese Frist bei Frost verlängert wird. Eine Entscheidung steht noch aus. Zudem hat das Haus Sankt Martin seine täglichen Öffnungszeiten auf Samstag ausgeweitet. Der Andrang am ersten Samstag ist überraschend stark gewesen. 16 Obdachlose kamen. Unter der Woche besuchen knapp 30 Leute die Facheinrichtung. Dazu kommen Hartz-IV-Empfänger aus der Hattersheimer Siedlung, die auch einen preiswerten Kaffee zu schätzen wissen.

Den meisten hier sieht man nicht an, dass sie Obdachlose sind. „Wir haben hier schon die Elite“, sagt Störch ohne jede Ironie. Leute, die ihren Alltag zu organisieren wüssten, was unter derart schwierigen Umständen „richtig Arbeit“ sei. Regine sieht als Erstes die Freiheit. Einmal im Leben tun und lassen, was man will. „Wann geht das schon?“, fragt die gelernte Verkäuferin. Sie will etwas von der Welt sehen, vielleicht mal nach Schottland reisen.

 

Weniger malerisch empfindet der 29-jährige Martin das Leben auf der Straße. Der Trockenbauer aus Frankfurt verlor im vergangenen Jahr einen Tag vor Weihnachten sein Heim durch einen Wohnungsbrand. Zuvor war seine Freundin mit der dreijährigen Tochter weggelaufen, als er im Knast saß.

Seine Bekannte staunt, dass er das alles so freizügig erzählt, sie könne das nicht. „Da kommt zu viel hoch.“ Gemeinsam suchen sie eine feste Bleibe, doch mit einem 1,50-Euro-Job können sie sich nichts leisten. Deshalb übernachten sie in Frankfurt in einem Container für Wohnungslose auf zwölf Quadratmetern.

 

Die Zahl der weiblichen Obdachlosen steigt. Mit mehr als 20 Prozent habe sich ihr Anteil im Vergleich von vor 30 Jahren verdoppelt, so Störch. Und immer mehr 18- bis 25-Jährige seien betroffen. Das liege auch an der Hartz-IV-Gesetzgebung, nach der Leistungsempfänger bis 25 bei den Eltern wohnen müssen. Das können oder wollen viele wegen familiärer Probleme nicht. So wie Sascha: Der 22-Jährige flog vor eineinhalb Jahren daheim raus. Vom Tagesgeld könne man gut leben, wenn man nicht drogenabhängig sei, sagt er. Trotzdem sucht er jetzt eine Wohnung.

Auch Regine, Küken und Stefan wollen im Winter wenigstens einen Containerplatz in Mainz ergattern. „Ich muss mich erst an Kälte und Schlepperei gewöhnen“, sagt Regine. Das war’s dann wohl mit der Freiheit.

 

Dezember 2010 für Frankfurter Rundschau.
Alle Rechte vorbehalten. Verwendung, auch auszugsweise, nur mit vorheriger Gehmigung

 
< zurück   weiter >
Referenzen
Texte
Online-Projekte
Leseprobe
FRANKFURTER RUNDSCHAU: Großer Bruder Kamera

Darmstadt Videoüberwachung bewährt sich im Alltag der Stadt - aber es geht auch anders

 

Sie sind überall: an Geld- oder Fahrkartenautomaten, in Geschäften und Straßenbahnen, an Haltestellen und vor Tunneleinfahrten. "Der Große Bruder schaut dich an", schrieb George Orwell in seinem Roman 1984 vor nun 64 Jahren. Überwachungskameras, damals Science Fiction, heute Alltag. Aber wer mit offenen Augen durch Darmstadt geht, stößt immer häufiger auf Videokameras oder Schilder, die auf Überwachung aufmerksam machen. Man könnte Angst bekommen…

weiter …
 

Counter by GOWEB
Counter by GOWEB